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Die Fischer aus Essex

       
  William Francis aus Brightlingsea auf der 'Native', 1928    
Dorothy CK159 beim Austernfang vor Mersea, 2003
     
Die Austernfischerei
   

Der Austernfang war eine der wichtigsten Beschäftigungen für die Fischer aus Essex. Die Dredsche (der Austernrechen) hatte einen eisernen Rahmen in Form eines großen A mit einer Schneide zwischen den beiden Füßen des A. An den Seitenteilen, der Schneide und dem kurzen Querstück war ein kurzes Garnnetz befestigt, dessen Unterblatt, also der Boden, aber aus Kettenmaschen bestand. Der Netzsteert wurde durch eine Latte quer gespreizt. An der Spitze des Rahmens war ein eiserner Ring eingeschmiedet, an den eine Grasleine (Kokosfaser) als Zugleine angeschlagen wurde. Eine Smack konnte vier bis acht Rechen über die Austernbank schleppen. Dabei wurden natürlich nicht nur Austern gefangen, sondern auch allerlei Gammel und Dreck, der wieder Ober Bord geworfen wurde, nachdem die brauchbaren Austern aussortiert waren.

Die Zugleinen wurden mit der Hand eingeholt. Die Austernfischerei erforderte Segelboote, die gut manövrierten auch wenn die Segel gekürzt waren, um die Geschwindigkeit den Wind- und Tidenverhältnissen anzupassen. Auch fand diese Fischerei oft in sehr engen Gewässern und in der Nähe zahlreicher anderer Smacks statt. Nicht zuletzt durch die Austernfischerei wurden die Seeleute in Essex zu ausgezeichneten Seglern. Zwischen dreißig und einhundert Smacks bis 15 Tonnen fingen in der Colne-Mündung Austern. Die Austernbänke wurden von der Colchester Corporation und der Colne Oyster Fishery Company verwaltet. Die Austernfischer mußten Mitglieder sein. Das war damals, als Arbeit im Winter knapp war, ein begehrtes Privileg. In den Flüssen Blackwater und Crouch gab es ebenfalls große Austernbänke, die von Gesellschaften bewirtschaftet wurden, aber ohne das Mitgliedersystem.

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Aufschwung durch die Eisenbahn

Seit mehreren Jahrhunderten hatten die Fischer aus Essex auch auf See Austern gefangen. Diese Fischerei nahm ihren großen Aufschwung, als die Eisenbahn Mitte des 19. Jahrhunderts den Nordosten von Essex erreichte. Als Wivenhoe an die Eisenbahn angeschlossen wurde, fing man Sprotten sogar zur Verwendung als Dünger und transportierte sie mit der Eisenbahn ins Binnenland. Gerüchte über eine Verlängerung der Bahnlinie nach Brightlingsea gaben Anlaß zu den schönsten Hoffnungen: die Lösung des Absatzproblems durch schnellen Transport nach Billingsgate ohne die Tidensegelei bis nach Wivenhoe. Grimsby und Lowestoft waren durch den Eisenbahnanschluß in den vorangegangenen zehn Jahren von unbedeutenden Dörfern zu riesigen Fischereihäfen geworden. Wer sollte wissen, was sich in Brightlingsea entwickeln würde? Als die Eisenbahn 1866 aber den Ort erreichte, blieben alle Hoffnungen nur schöne Träume. Es fehlte zwar nicht an Unternehmungsgeist, aber an Kapital.

Voller Hoffnungen hatten viele Fischer, die das Geld dazu hatten oder auftreiben konnten, neue Kutter bestellt, die viel größer waren als je zuvor in diesem Hafen. Reedereien entstanden nicht, denn für die auf ihre Unabhängigkeit bedachten Fischer von Essex war es undenkbar, einen Kutter zu führen, der jemand anders gehörte, obwohl das in anderen Häfen gang und gebe war. Die Fischer wollten hauptsächlich ihren traditionsreichen Hochseeausternfang ausbauen, zumal Austern damals noch ein Volksnahrungsmittel waren. Das Ergebnis war eine Flotte von seetüchtigen Kuttern mit großartigem Sprung und hoher Takelung. Fast alle wurden auf örtlichen Werften entworfen und gebaut, außer einigen wenigen, die in Gorey auf der Kanalinsel Jersey entstanden. Dieser Hafen war damals ein bekanntes Zentrum des Austern- und Muschelfangs, und viele Kutter aus Essex kamen regelmäßig dorthin.

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Die Männer der großen Smacks

Aldous aus Brightlingsea baute zwischen 1857 und 1867 sechsunddreißig dieser großen Kutter, Harris in Rowhedge und Harvey in Wivenhoe ebenfalls eine ganze Reihe und einige entstanden am Blackwater. Neben diesen 20- bis 40-Tonnern erschienen die kleinen zehn Tonnen großen Kutter, die in den Flußmündungen Austern fingen, wie Zwerge. Diese großen und kleinen Smacks unterschieden sich in Arbeitsweise und Aktionsradius ebenso stark voneinander wie der heutige Hochseetrawler und das offene Boot des Küstenfischers.

Aus solchen Kuttern bestand die herrliche Fischerflotte, die von Essex aus auf Fang fuhr. Es wäre aber sinnlos, die damalige Fischerei nachträglich zu verklären, denn sie war mühsam, oft gefährlich und brachte den Fischern wenig ein. Aber es gingen daraus Männer mit starkem, unabhängigem Charakter hervor. Ihre Arbeit war nicht mit dem eher idyllischen Leben der Austernfischer in den Flußmündungen zu vergleichen, sondern sie war ein harter Existenzkampf, bei dem keine Gelegenheit zu einem Extraverdienst verpaßt wurde. Die meisten Fischer begannen als Schiffsjungen auf dem Kutter ihres Schiffers und lebten an Land auch in seinem Haus. Diese Jungen gingen oft schon mit zwölf Jahren zur See und waren dann fünf bis neun Jahre an den Kuttereigner gebunden, der ein oder zwei Jungen auf seiner Smack hatte. Diese Art Lehrlingssystem gab es schon im 17. Jahrhundert, aber es starb Ende des 19. Jahrhunderts aus. Der Fischer gab den Jungen Kost und Logis, einkleiden mußten sie sich selbst. Am liebsten trugen sie eine Mütze mit schmalem Schirm, ein Fischerhemd oder eine Art Takelbluse aus weißem Segeltuch über einem dicken Pullover und Hosen aus Wollstoff, die sie in die ledernen Seestiefel steckten.

Aus dieser harten Schule gingen erstklassige Seeleute hervor. Sie hatten für die damalige Zeit gute Aufstiegschancen. Die Navigation ging bei diesen Schiffsführern durchaus nicht nur „über den breiten Daumen“. Sie hatten gute Navigationskenntnisse, und die meisten entschlossen sich, Fischereipatente zu erwerben, als diese in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts eingeführt wurden.

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Weite Fahrten auf der Suche nach den Austern

1787 entdeckten die großen Kutter ergiebige Austernbänke vor Jersey. Die Nachricht muß sich ausgebreitet haben wie ein Lauffeuer, denn schon nach wenigen Monaten arbeiteten dort über dreihundert Smacks aus Essex, Shoreham, Emsworth und Faversham mit zweitausend Mann Besatzung. Innerhalb weniger Monate wurde aus dem stillen Hafen Gorey eine wahre Goldgräberstadt. In den nachfolgenden Jahren segelte jedes Frühjahr eine Flotte von sechzig Smacks aus Essex zum Austernfang dorthin, trotz der Gefahren durch die napoleonischen Kriege. Nach 1840 ging die Austernfischerei vor Jersey zurück, bis die Bestände 1871 erschöpft waren.

Trotzdem nahm der Austernfang einen großen Aufschwung. Um 1874 waren in Colchester 132 Smacks der ersten Klasse (von 15 bis 70 Tonnen) registriert, 250 Fahrzeuge der zweiten Klasse unter 15 Tonnen und 40 kleinere Boote der dritten Klasse. Weitaus die meisten Eigner wohnten in Brightlingsea, neunundzwanzig in Rowhedge, zwölf in Wivenhoe und acht in Tollesbury. Da die Fischer aus West Mersea sich überwiegend auf den Austernfang im Blackwater konzentrierten, gehörten ihnen nur wenige dieser großen Kutter und in den letzten Jahren der Segelfischerei überhaupt keine mehr.

Die Suche nach Austern und Kammuscheln führte die Fischer zu verschiedenen Jahreszeiten auf die inneren Dowsing- und Dudgeon-Bänke, von wo aus sie in Grimsby oder Blakeney anlandeten, oder auf den Ness-Grund, der sich von Orfordness nach Cromer erstreckt, in die Gebiete von Galloper und Kentish Knock oder auf die Terschelling- und Hinderbänke vor der holländischen Küste. Von dort aus landeten sie in Brightlingsea an. Im Kanal arbeiteten sie auf den Goodwin-, Sandette- und Varnebänken und den Gründen vor der französischen Küste in der Bucht von Caen, vor Dieppe, St. Valéry sur Somme, Fécamp, Calais und Dünkirchen. Dann landeten sie den Fang in Ramsgate, Dover, Shoreham oder Newhaven an. Im Westteil des Kanals gab es einiges in der West Bay zu fangen, mit Weymouth als Anlandungshafen. In früheren Zeiten besuchten (oder besser: überfielen) Fischer aus Essex auch den Fal und den Helford River in Cornwall, und siebzig Jahre lang lockte die Kanalinsel Jersey zahlreiche Essex-Smacks an. Andere segelten rund um Land’s End, um von Swansea als Stützpunkt aus an der Südküste von Pembrokeshire zu arbeiten. Auch in Bangor, in Westirland und im Solway Firth sah man regelmäßig die hoch aufragenden Stengen der Kutter vom Colne.

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Das Leben auf den Smacks war hart

Die Arbeit auf den Austernbanken war schwer. Oft wurde zunächst die Stenge gestrichen und ein Reff ins Großsegel gebunden oder das Trysegel gesetzt, um die Geschwindigkeit zu verringern und die Bewegungen im Seegang abzumildern. Auch konnte dann niemand den Grogbaum an den Kopf bekommen. Dann schufteten die Fischer fast ununterbrochen, Tag und Nacht, mit nur wenigen kurzen Pausen, um einen Bissen zu essen und sich mit einem Becher Tee aufzuwärmen. Es war eine knochenbrechende Arbeit, diese riesigen Seedredschen, die 1,8 Meter lange Schneiden hatten, aus 45 Meter Tiefe hochzukurbeln. Oft wurden gleichzeitig sechs Dredschen an 120 Meter langen, 24 Millimeter starken Grasleinen geschleppt, die über Mehrfach-Rollpoller auf dem Schanzkleid oder durch Klüsen im Schanzkleid gefahren wurden. Die Zugleinen mußten Zentimeter um Zentimeter eingekurbelt werden, wobei ein Mann ständig die Lose hinter der Winschtrommel nachholen mußte. Die Leine ruckte jedes Mal ein, wenn eine See unter dem Schiff hindurchging, und schnitt mit den kleinen Muscheln, die daran hingen, in die Hände. So ging es Stunde um Stunde ohne die „Erholungspausen“, die man beim Fischfang mit dem Schleppnetz durch das Sortieren des Fangs zwischen den einzelnen Hols hat. Von drei Uhr morgens bis sechs Uhr morgens blieb das Fanggeschirr an Deck, und die Besatzung ging Halbstundenwachen. Danach ging die Arbeit weiter, manchmal fünf oder sechs Tage lang.

Den Fischern aus Essex entging rund um die Britischen Inseln kaum ein Austernvorkornmen. Gegen den erbitterten Widerstand der ortsansässigen Fischer beuteten sie die Austernvorkommen in den Buchten von Swansea und Cardigan in Wales ebenso aus wie in der schottischen Largo Bay und vor dem Norden von Norfolk. Hochseeaustern fingen sie auch auf der Terschelling-Bank vor der niederländischen Küste, ungefähr 112 Meilen östlich von Orfordness, ihrem Ausgangshafen. Die Kutter waren im Durchschnitt zwölf Tage unterwegs und brachten bis zu zehntausend große Austern mit. Diese Reisen waren sehr hart. Bei den vorherrschenden Winden segelte man dort vor einer Leeküste ohne leicht erreichbare Schutzhäfen. Viele Smacks vom Colne gingen mit ihren Besatzungen vor Terschelling verloren.

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Andere Aufgaben für die Smacks vom Colne

Manche Kutter vom Colne wurden auch für zwölf Pfund pro Woche als Fischtransporter für die großen Ketschen aus Lowestoft und Yarmouth gechartert, die auf der Nordsee in Flotten fischten. Die Smacks vom Colne waren ideal dafür, weil sie schnell waren und auch bei gröbstem Wetter vorankamen. Trotz Sturm oder Flaute erreichten sie den Londoner Fischmarkt Billingsgate fast immer, bevor der auf Eis gepackte Fisch schlecht wurde. Kutter vom Colne brachten zu einer bestimmten Jahreszeit auch frischen Lachs von den westirischen Hafen Sligo und Westport an der Küste der Grafschaft Mayo rund um die Nordspitze von Irland zum Fischmarkt nach Liverpool. Das waren vielleicht die härtesten Reisen, weil die Küste dort den wütenden Atlantikseen völlig ungeschützt ausgesetzt ist. Die meisten Smacks schoren vor diesen Reisen vorsichtshalber Schmeerreeps aus Kette ein. Diese etwa viertägigen Hochseereisen nach Liverpool waren für so kleine Schiffe keine geringe Leistung.

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Die Tage der großen Smacks gehen zu Ende

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewann das berufsmäßige Yachtsegeln für den Lebensunterhalt der Fischer in Essex mehr Bedeutung als die Hochseefischerei. Man kehrte zu kleineren Kuttern zwischen 12 und 18 Tonnen zurück, mit denen man im Winterhalbjahr in der Themsemündung fischte. Im Sommer wurden diese Boote aufgelegt, während ihre Besatzungen Regattageschichte schrieben. Die Tage der großen Hochseekutter vom Colne waren gezählt, obwohl Brightlingsea noch 1890 eine Flotte von zweiundfünfzig dieser Schiffe vorweisen konnte. Zwölf Jahre später ging die Nachfrage nach Austern durch Angst vor Vergiftungen stark zurück. Der Rest der Flotte ging dann dazu über, von Januar bis März im Westausgang des Kanals Austern zu fischen und französische Häfen als Stützpunkte zu benutzen, hauptsächlich Boulogne.

Der Fang wurde über Nacht per Dampfer nach London geschickt. Shoreham war Stützpunkt für die Austernfischerei auf den ausgedehnten Gründen vor Beachy Head, manchmal auch Newhaven. All dieser Einfallsreichtum und diese Mühle brachten aber kaum Geld ein. Der Erste Weltkrieg war ein schwerer Schlag für die großen Smacks. Obwohl die Fischpreise hoch waren, wurden mehrere Kutter nach Lowestoft und anderswo verkauft, andere fischten mit festen staatlichen Abnahmeverträgen hauptsächlich Sprotten. Nach dem Krieg machten einige wenige auf die alte Art weiter, zusammen mit einigen alten Dampfloggern aus Lowestoft. Abgesehen aber von diesen Loggern und von vier oder fünf Raddampfern, die die Colne- und Burnham-Austerngesellschaft für die Arbeit auf dem Fluß angeschafft hatte, setzte sich die Dampfmaschine in der Fischereiflotte von Essex nicht durch.

aus “Smacks and Bawleys” von John Leather

 

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