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Als ich BETTY das erste Mal im Fühjahr 2001 sah, lag das kleine Schiff hoch auf dem trockenen Slip der Behrenswerft von Hamburg-Finkenwerder. Ohne viel davon zu verstehen, mußte ich sofort ihren wunderbar geformten Rumpf bewundern: wie der klassisch steile Bug elegant in den langen geraden Kiel mündet; wie die Linien sich zur Mitte hin fließend verbreitern um dann in herrlichem Schwung in dem weit überhängenden Heck zu münden, ist ein Beispiel für nahezu perfektes Design. Überhaupt das wunderschöne Heck! Instinktiv wußte ich, dass hier ein Meister am Werk gewesen sein mußte. Dann war da noch der lange, weit über den Bug und waagerecht zur Wasseroberfläche herausragende Klüverbaum. Das hohe klassische Gaffelrigg mit breiter Saling und hohem Topmast war ideal vor dem elegant flach gewölbten Kajütaufbauten positioniert und dann dieser Decksprung! Was ich sah war einfach ein perfektes kleines Schiff.
Mit anderen Worten: es war Liebe auf den ersten Blick! Nicht gerade die beste Voraussetzung für eine nüchterne Verhandlungsposition bei den Verkaufsgesprächen, die etwa ein Jahr später beginnen sollten. Wer hat das nicht schon einmal erlebt? Wie BETTY schließlich mein Schiff wurde und was ich mit ihr erlebt habe und erlebe, auch davon wird auf diesen Seiten die Rede sein.

Einhundert Jahre BETTY CK145

Smack Tradition

Ein langes Arbeitsleben

Umbau zur Yacht

In Deutschland

Reisen nach Holland und England

Heute

zu den Fotos

Smack Tradition

Betty CK145 ist eine Essex-Oyster-Smack, 1906 bei Aldous in Brightlingsea in Südostengland für Mr. French aus Mersea für 100 Gold-Sovereigns gebaut. Die Essex-Smacks sind kuttergeriggte Fischereifahrzeuge mit diversen Einsatzmöglichkeiten. Die kleineren Smacks von 35 Fuß Länge wurden vorwiegend küstennah in der Themsemündung eingesetzt, einem Wattenmeer reich an Prielen und Sandbänken. Mit ihrem flachen Tiefgang war die Betty dort hauptsächlich mit dem Austernfang beschäftigt. Der Bau von Essex Smacks war stark vom viktorianischen Yachtdesign beeinflußt, da ihre Besitzer und Mannschaften bei den Sommerregatten regelmäßig als Skipper oder Crew auf den großen Rennyachten der reichen Adligen und Industriebarone fuhren. Aus dieser Tradition hat sich sicher auch das relativ aufwendige Gaffelrigg mit der großen Segelfläche und dem schlanken Toppmast entwickelt. Das schöne, weit überhängende Yachtheck war wohl nicht nur deshalb beliebt, sondern auch, weil es auf den kleinen Schiffen mehr Decksfläche für die Arbeit bot.
CK145 ist die ursprüngliche und erhalten gebliebene Fischereinummer von Betty, nach ihrem Heimathafen Colchester (CK), England.

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Ein langes Arbeitsleben

Noch bis zum 2. Weltkrieg fischt Betty für die French Familie aus West Mersea als Austernfischer und bringt ihren wertvollen Fang so schnell wie die Windverhältnisse es hergeben zum lokalen Markt. Überfischung und Umweltbeeinträchtigung durch die zunehmende Industrialisierung reduzieren die Erträge jedoch drastisch. Heute werden die ca. 40 noch erhaltenen Essex-Smacks ausschließlich als Traditionsschiff oder Freizeitkutter gesegelt - sehr beliebt sind die vielen Regatten im Sommer.
Nach dem Krieg ist Betty im Besitz von Mr. Juggens French, der als Wachmann für die Tollesbury & Mersea Oyster Company arbeitet. Nach dessen Tod fährt sie noch bis in die frühen 60er Jahre als Muschelfischer für Mr. Roy Leslie aus Southend, seines Zeichens Fischhändler - nun allerdings unter Motor und ohne Mast und Segel - bis das Schiff vergessen im Schlick vom Barling Creek zerfällt, wie zahllose andere alte Fischkutter in jenen Jahre.

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Umbau zur Yacht

Ein riesen Glücksfall für Betty ist der passionierte Segler und Hobbybootsbauer Ray Riley aus Wivenhoe, der den vernachlässigten Rumpf dort 1965 dort entdeckt und ihn für 165 Pfund erwirbt. Drei Jahre lang, bis 1968, wird Betty von ihm zum Kajütkreuzer umgebaut, wobei die meisten Planken, Decksbalken, Relingsstützen sowie Deckaufbauten, Masten und Spieren, Rigg und Schanz erneuert werden. Mr. Riley war auf der Suche nach einer bezahlbaren Fahrtenyacht für sich und seine Familie und wählt den damals häufigen Weg, den Rumpf eines alten Arbeitsschiffes zu erwerben und mit viel Eigenarbeit wieder zu einem brauchbaren Segler zu machen. Deshalb entscheidet er sich wohl auch, nicht dem Trend der 50er und 60er Jahre zu folgen und eine möglichst hohe und deshalb oft kastenförmige Kajüte an die Stelle der früheren Ladeluke zu setzen. Die dabei gewonnene Stehhöhe wurde durch einen unförmigen Kajütaufbau erkauft, der das ganze Schiff verunziert hätte. Nein, stattdessen wählt er bei diesem ersten Umbau eine frühe Form von „Retrodesign“, indem er sich an den Formen orientiert, die bei den Neubauten von Yachten in den 20er Jahren üblich gewesen waren, als die Bequemlichkeit noch nicht so im Vordergrund stand und Fahrtensegeln noch mehr als Sport verstanden wurde. Ein paar Jahre später bekommt sie einen Satz Rennsegel und den typischen hohen Topmast des englischen Rennkutters. Durch diesen glücklichen Umstand ist Betty heute eine schöne Repräsentantin für die englische Tradition der Vorkriegsjahre, ehemalige Arbeitsschiffe zu Freizeityachten umzubauen.

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In Deutschland

1979 wird Betty nach Hamburg-Finkenwerder verkauft. Wieder muß viel repariert und erneuert werden: zuerst wird das laufende Gut erneuert. 1982 wird auf der Behrens-Werft in Finkenwerder ein neuer Volvo-Dieselmotor eingebaut und Vorsteven, Spanten, Elektrik erneuert. Nach einem schweren Sturm wird 1989 die komplette Restaurierung des Hecks notwendig. 1992 kommt eine neue Decksbeplankung einschließlich aller Decksspanten und ein neuer Satz Segel hinzu; dann 1999 die Erneuerung von ca. 80 m Planken, ein neues Rigg (stehendes und laufendes Gut), die völlige Überholung der Spieren und ein neuer Klüverbaum. 2003 wird in Holland die Grundüberholung des Motors und wegen einer Havarie ein neuer, leichter (weil hohler) Topmast fällig. Daneben bleibt aber noch genug Zeit, um einige Trophäen zu ersegeln.

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Reisen nach Holland und England

Nach einem Eignerwechsel im September 2002 ist Betty ein Jahr lang über die Niederlande nach England unterwegs zu einer begeistert gefeierten Heimkehr in der Themsemündung. Auch in der nächsten Saison geht es wieder nach England, diesmal allerdings entlang der Südküste und durch den Solent bis nach Weymouth. Auf der Rückfahrt über Nordfrankreich passiert in der Mündung der Canche eine schwere Strandung, wodurch das Schiff leckgeschlagen wird. Nach der Rettung müssen auf einer Traditionswerft in Tholen auf Zeeland sieben Spanten und fünf Planken im Mittschiffsbereich erneuert werden. Mit gelegtem Mast geht es dann durch die Kanäle Hollands und quer durch Norddeutschland zurück nach Hamburg. Auch die Saison 2005 hat ihren Unglücksfall, diesmal allerdings gänzlich ohne unser Zutun: am ersten Tag der Hansesail in Rostock gut an ihrem Platz vertäut, wird Betty am Klüverbaum so schwer gerammt, dass nicht nur dieser und die Topspiere brechen, sondern auch fünf Schanzstützen steuerbords zu beklagen sind. So geht es anstatt wie geplant nach Kopenhagen wieder einmal auf die Werft. Diesmal nach Barth, wo der Schaden bei Rammin fachmännisch repariert wird.

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Heute

Als Geschenk zum 100sten Geburtstag wird im Winter 2005/2006 eine Website für Betty eingerichtet. Zum Verbessern des Einhandsegelns - für den Fall, das wieder einmal alle potentiellen Crewmitglieder durch Termine verhindert sind - ersteigere ich im Frühjahr einen 'Autohelm 2000' Autopiloten. Seine solide Mechanik soll sehr zuverlässig und allein in der Lage sein, das 12t schwere Schiff unter Motor auf Kurs zu halten. Nach der Teilnahme am Hafengeburtstag geht es öfter auf die Elbe um Steuerversuche mit meiner Neuerwerbung zu machen. Aber erst auf der Überführung zum Sommerliegeplatz in Lübeck zeigt sich: es funktioniert! Mit dem Autopiloten bin ich jetzt in der Lage, allein die Segel zu setzen, zu bergen und wenn nötig zu reffen. So segeln Betty und ich - manchmal in Begleitung guter Freunde - kreuz und quer durch die westliche Ostsee, bis es Anfang Oktober wieder zurück auf die Elbe und zum Herbsttreffen der Freunde des Gaffelriggs in Glückstadt geht.
Im Winter liegt das Schiff im Hafen des Gaffel-Consortiums in Hamburg-Finkenwerder, in den Sommermonaten wird sie auf der Elbe und der Ostsee gesegelt und hat ihren Liegeplatz im Museumshafen zu Lübeck vor den alten Speicherhäusern am Holstenhafen.
Dann im Frühjahr 2009 bricht Betty wieder zu einer längeren Reise auf: im ersten Jahr geht es entlang den Ostfriesischen Inseln und quer durch die Niederlande bis nach Tholen in Zeeland im Süden von Holland. Nach einer größeren Reparatur im Frühjahr 2010 geht es über den Englischen Kanal in die Themsemündung, wo sie nach einem fünfwöchigen Törn in Wivenhoe bei Harwich ihren zweiten Winter verbringt.
2011 segelt Betty einen zweiten Sommer die englische Küste hinauf bis nach Woodbridge und nach einem Stop in London zurück nach Holland. Betty bleibt das ganze Jahr über im Wasser: die Wintermonate 2011-2012 liegt das Schiff im Buurthaven de Levant in Amsterdam, im Frühjahr wird sie erst einmal in niederländischen Gewässern segeln.

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zu den Fotos

AKTUELL

2010 - 20011 Zweijährige Reise nach England,

East Anglia und Erforschung der Themsemündung

2009 Tourende Smackyacht

Ostfriesische Inseln, Friesland, Holland, Brabant und Zeeland

September 2008

Betty erringt den 2.Platz bei der 'Rhinplatte Rund' Regatta am 27. September

2007 - 2008 Tourende Smackyacht

Westliche Ostsee, Dänemark, Südschweden bis Bornholm

2006 Jubilar

Jahr des 100.Geburtstag und 100-Jahr-Feier am 14.10.2006

2005 Traditionsschiff

Hamburg Finkenwerder, die Elbe und auf der Lübeck Bucht

2004 Traumziel Brest

Englands Südküste und Solent

durch die Kanäle Hollands zurück nach Hamburg

2002 - 2003 Tourende Smackyacht

Südostengland über die Niederlande

Unter Deck und Detailansichten

1979 - 2002 Traditionsyacht

Fahrten und Regatten auf Elbe und Ostsee

1965-78 Restaurierung zur Smackyacht

Abschied von England

Kajütkreuzer in der Tradition der 20er Jahre

 

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